Afrika - H.Fischer Komp.+alle Tracks
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aus den Alltagsgeschichten:

9/11

 

 

Es war heiß, die Luft flirrte über der Sahel und selbst die Fliegen wagten sich in dieser Hitze nicht mehr an sie heran. Hanazullumi lag im Schatten der Hütte und blickte in den Himmel.

 

Weit oben kreisten die Vögel, an deren Namen sie sich auf einmal nicht mehr erinnern konnte. Sie fühlte keinen Hunger mehr und keinen Durst. Es war zu lange her, dass sie etwas gegessen oder getrunken hatte, als dass es ihr noch fehlen konnte. Sie hatte es schlichtweg vergessen. Unter ihren halb geschlossenen Lidern schaute sie in den Himmel und plötzlich sah sie das Gesicht ihres Freundes Aleeke, „dem starken Löwen“. Aleeke sah aber ganz anders aus als sonst. Er war nicht der flotte Quälgeist, der auf seinen Säbelbeinen um sie herumlief und sie neckte. Er lockte sie auch nicht mit Maisfladen, er sah sie nur an. Irgendwie nachdenklich und so weit weg, dass sie ihn gar nicht rufen konnte. Aber sie war ohnehin zu müde zum Spielen. Plötzlich lief Aleeke über den Dorfplatz, aber er sah so komisch aus, ganz weiß und leuchtend. Und er rief sie auch nicht wie sonst. Er lief einfach immer den Blick auf sie gerichtet und plötzlich drehte er sich um und lief geradewegs in den strahlenden Himmel. Bis er einer der Vögel wurde, die majestätisch dort oben kreisten. Hanazullumi, der ihre Eltern diesen schönen Namen gegeben hatten: „die das Böse verhindert“ freute sich, dass ihr Freund so tolle Sachen machen konnte. Sie war sehr stolz auf ihn.

 

Hana hatte plötzlich Sehnsucht nach ihrer Mutter. Ihr Vater hatte sie schon lange verlassen. Zuerst war er immer dünner geworden und dann war er zu den Geistern gegangen. Sie wollte ihre Mama rufen, aber irgendwie war sie auch dazu zu müde. Da kam einer der Vögel näher und näher, in sanften Kreisen und sie erkannte ihren Vater, der winkte und rief. Aber sie hörte nichts. Ich werde groß werden, Papa und stark. Ich werde viele Kinder bekommen, wie Mama und ich werde dorthin gehen, wo es keinen Hunger gibt und keinen Durst. Wo die Menschen glücklich sind, in hohen Häusern wohnen und in bunten Autos über die Straßen flitzen. Du wirst stolz sein, Papa, wenn du mich siehst, aus deiner Welt. Du und die Geister unserer Ahnen. Und du wirst mich schützen Papa, das weiß ich. Und Mama werde ich versorgen, bis sie ganz alt ist. Und Aleeke heiraten.

 

Auf einmal war Aleeke wieder bei ihr, nahm sie bei der Hand und sagte nur: komm. Und sie wurde ganz leicht und es wurde immer heller und sie hörte Musik und sie sah ihre Familie tanzen im gleißenden Licht und alle winkten ihr und sahen ganz glücklich aus. Und Hanazullumi tauchte ein in das Licht, an der Hand von Aleeke und konnte auf einmal schlafen. Ganz tief und fest schlafen. Un kein Hunger und keine Krankheit konnten ihr mehr etwas anhaben.

 

Als die sechsjährige Hanazullumi neben der Hütte ihrer toten Mutter verhungerte und verdurstete, verhungerten zur selben Zeit mit ihr 10 weitere Kinder auf dieser Welt. Und als eine Stunde später, weit weg in einer Stadt, von deren Existenz sie nichts gewusst hatte, auf Geheiß des Multimilliardärs Bin Laden, das erste Flugzeug in das „World Trade Center“ seiner Konkurrenten krachte, waren schon weitere 600. Als das zweite Flugzeug in den zweiten Tower krachte waren es noch einmal 120 mehr. Und als die beiden Türme einstürzten waren es mehr, als bei dem Anschlag ums Leben kamen. Aber über sie berichtete kein Medium der Welt.

 

(Diese Geschichte wurde zum ersten mal 2011 im "Augustin" veröffentlicht.)

Liebe

 

5:45

„Schau, heut will er noch gar nicht gehn! Er ist noch immer groß!“

Sie drückte ihn fest auf sich als wollte sie ihn nie mehr loslassen.

„Ich liebe Dich, immer. Es ist so ein Geschenk.“

„Ich liebe Dich auch. Du bist das Beste, was einem Mann passieren kann.“

Langsam glitt er aus ihr heraus und küsste sie noch einmal sanft in den Nacken. Dann gab sie ihn frei. Da läutete auch schon der Wecker.

„Weckst Du die Kinder, ich mach Frühstück.“

Leo rollte aus dem Bett. Vorsichtig öffnete er die Tür zum Kinderzimmer. Er liebte diesen Anblick, wenn seine Kleine in der Achselhöhle des großen Bruders schlief. ‚Der große Bruder’ – Leo musste lächeln. Sechs Jahre war Willi gerade geworden. Den Namen hatte er nach Leos Vater. Ein wider Fratz. Leo war stolz, auch wenn Willi ihn manchmal mit seiner Sturheit zur Verzweiflung brachte. Und für Sophia war er ein toller Bruder. So wild er sonst sein konnte, bei seiner Schwester war er immer vorsichtig. Und ihr gegenüber war er ein richtiger ‚älterer’ Bruder, obwohl er nur zwei Jahre älter war. Und er verteidigte sie wie ein Löwe gegen andere Kinder im Park oder in der Sandkiste.

Sopherl war aber auch ein Goldkind, wie seine Mutter immer sagte.

Klara und er fragten sich manchmal womit sie so viel fast schon kitschiges Glück verdient hatten. Und manchmal spürten sie den Neid ihrer Freunde, die viel mehr Schwierigkeiten in ihren Beziehungen hatten.

Leo setzte sich auf den Rand des Bettes. „Aufstehen ihr zwei Zwetschgen!“ Er legte seine Hände auf die beiden kleinen Körper. „Der Kindergarten wartet.“

Er spürte die Bettwärme auf seinen Händen und Sophia, die im Aufwachen ihre beiden Hände um seinen Arm schlang.

„Ich will nicht aufstehen.“ Willi raunzte mit geschlossenen Augen, wie jeden Morgen.“

„Ich weiß, ich weiß, aber was würden denn Deine Freunde im Kindergarten machen ohne Dich?“ Leo tätschelte leicht Willis Brust. „So jetzt muss ich aber ganz schnell aufs Klo. Auf, auf“ rief er und zog ihnen die Bettdecke spielerisch ein wenig weg.

 

6:00

„Mein Chef ist übrigens total zufrieden mit mir und möchte, dass ich eine Fortbildung mache, zum Bauleiter“ rief Leo aus dem Badezimmer während er sich fertig machte.

„Das wär super!“ Aus Klaras Stimme konnte man den Stolz hören. „Bei mir läuft’s nicht ganz so, Paula ist so eine blöde wichtigtuerische Kuh geworden, seit sie unsere Abteilung leitet. Aber ich werd schon fertig damit. Kinder! Frühstücken!“

„Wenn ich Bauleiter bin suchst du dir einen anderen Job. Vielleicht kriegst ja was in Deinem Beruf. Dann musst auch nicht immer so früh aufstehen.“

„Jetzt warten wir einmal ab. Willi, kannst Du Deiner Schwester helfen! Und kommt dann schnell, es ist schon spät!“

 

6:45

Klara kommt aus dem Kindergarten gelaufen und springt ins wartende Auto.

„Das wird knapp heut, ist aber auch ein Verkehr!“

„Ja sonst ist am Freitag nie so viel los. Morgen möcht ich mit den Kindern in den Tiergarten gehn und dann gehn wir so richtig fein essen, was sagst dazu?“

„Wär super – da vorne kannst stehn bleiben. Das Stückl lauf ich zu Fuß. Heute brauchst mich nicht abholen – Christa muss nach der Arbeit zu ihrer Mutter und das liegt am Weg. Ich lieb dich!“

Sie küssen einander, als wärs das letzte Mal. So küssten sie einander immer zum Abschied.

 

7:10

„Entschuldigung Chef, aber heut war so ein Verkehr und die Kinder...“

„Ist schon in Ordnung. Kannst dann mitm Karl im vierten Stock weitermachen.  Die erste Scheibtruhe mit dem Beton ist schon am Materialaufzug. Da kommt eh grad der Karl.“

„Servus. Komm, geht schon. Fahrn wir.“

 

 

Ausschnitt aus der Zeitungsmeldung vom folgenden Tag:

Kurz vor dem vierten Stock brach die Sicherung des Materialaufzugs und die beiden Arbeiter stürzten mit der Scheibtruhe in die Tiefe. Karl M. (46) alleinstehend war sofort tot. Leopold S. (32) erlag wenige Stunden später im Unfallspital seinen schweren Verletzungen. Er hinterlässt eine Frau und zwei kleine Kinder.

 

Das Kind, das Leo an diesem Morgen gezeugt hatte, würde seinen Vater nie kennen lernen.

Hass

 

Er beobachtete wie das Eis langsam im Eisbecher schmolz und über den Rand zu tropfen begann. Was war das für ein Unfug sein letztes Geld in einen Eisbecher zu investieren. Sich „etwas Gutes“ tun zu wollen.

Die Hitze war unerträglich. Das einzig Gute, wenn man kein Dach mehr über dem Kopf besaß, dachte er voll Selbstmitleid, falls ich draußen schlafen muss. Er hatte ja noch seine Wohnung, aber er fürchtete jedes Mal, Maria könnte da sein, wenn er käme. Sie wohnte zwar jetzt seit der Scheidung bei „ihrem Neuen“, aber sie kam hin und wieder in ihre gemeinsame Wohnung um Sachen zu holen. Es war ihm unerträglich ihr zu begegnen. Ein knappes „Servus“ war alles. Sie drückten sich an einander vorbei als hätten sie Aussatz und dürften einander nicht berühren. Josef verschwand einfach immer auf die Toilette, da hatte sie nichts zu holen.

Die Miete war überfällig gewesen. Jetzt hatte er noch genau fünf Euro fünfzig in der Tasche. Und noch so viel Monat am Ende des Geldes.

Nachdem er arbeitslos geworden war es die erste Zeit ja noch gegangen. Das Geld reichte noch und die Hoffnung auf einen neuen Job war selbstverständlich. Aber mit dem Notstand wurde langsam alles anders. Es war wie eine schleichende Krankheit.

Er griff nach dem Eislöffel und begann das Eis rundherum, den Löffel von unten nach oben schiebend, den Hügel abzutragen. Schoko, Vanille, Malaga, schon seit seiner Kindheit seine Lieblingseissorten. Plötzlich konnte er nicht mehr. Tränen drangen aus seinen Augen, er konnte sie nicht hindern, legte rasch den Löffel weg und stützte seinen Kopf auf die Hände. Er schämte sich. Niemand sollte seine Verzweiflung merken. Sein Versagen. Er saß zum Glück an dem Einzeltisch hinter der Säule. Das Geschnatter der jungen Mädchen rundherum war wie ein Angriff und zugleich ein Schutz. Warum waren fast nur junge Mädchen hier, dachte er völlig sinnlos und seine Tränen liefen zwischen den Fingern hindurch und tropften auf die Marmortischplatte. Mit einer schnellen Bewegung versuchte er sie mit dem Unterarm wegzuwischen. Fast warf er den Becher um.

Er war ein Versager. Er drehte den Kopf zur Wand, aber der Spiegel, der um den ganzen Raum lief, zeigte ihm unbarmherzig sein verweintes Gesicht. Schnell senkte er den Kopf, als ob er am Boden etwas suchen würde und versuchte mit der dünnen Papierserviette die Tränen ein wenig zu trocknen.

„Kann ich ihnen helfen?“ die Stimme der hübschen dunkeläugigen Serviererin war dezent und liebenswürdig.

„Nein danke, es geht schon.“ In wie vielen Romanen hatte er diese oder eine ähnliche Situation schon gelesen? „Meine Mutter ist vor ein paar Tagen gestorben.“

„Oh, das tut mir leid – warten sie, ich bringe ihnen ein frisches Eis, das kann man ja nicht mehr essen!“

„Nein danke, es geht schon. Was zahle ich?“

„Wollen sie nicht doch noch ei...?“

„Nein danke!“ Er zog seinen letzten 5€ Schein aus der Tasche: „Stimmt schon!“

schnell war er aufgestanden und hatte sich an der Serviererin vorbeigedrückt. Nichts wie hinaus, niemand sollte seine Tränen sehen, fast ein panisches Gefühl erfasste ihn.

Die Hitze draußen traf ihn wie ein Keulenschlag, schnell lief er in die schmale finstere Sackgasse die in die steile Treppe zu der höher gelegenen alten Kirche mündete.

So eine hübsche, liebenswerte Serviererin. Warum hab ich nicht versucht mit ihr zu reden, sie zu einem Treffen zu überreden. Ach was, erstens hat sie sicher einen Freund und zweitens brauche ich kein Mitleid! Was sollte ich ihr sagen? Das ich ein Versager und total am Ende bin?

Wieder sprudelten Tränen aus seinen Augen. Die Seitentüre der Kirche war offen. Der wohltuende Geruch von altem Weihrauch, der sich in den Gemäuern verfangen hatte, empfing ihn. Es war plötzlich eine Stille um ihn die ihn fast erschreckte. Aber es war angenehm kühl. Vorne saßen ein paar alte Weiber und beteten gemeinsam. Wie eine Welle lief ihr immer wiederkehrendes „Heilige Jungfrau Maria, bitt für uns!“ durch die Stille des Kirchenschiffs.

Ansonsten war die Kirche leer.

Einmal hatte er Mutters Tante Maria zu so einer Gebetsrunde begleitet, vor Jahren, als sie noch gehen konnte und er elf oder zwölf Jahre alt war. Nachher hatte sie ihn auf ein Eis eingeladen, was ganz ungewöhnlich war, weil sie ein alter Geizkragen war, wie seine Mutter immer sagte.

Ausgerechnet Maria hieß sie. Und das Eis – was für ein Zufall.

Er setzte sich in eine alte Bankreihe im Nebenschiff. Die Tränen hatten wieder aufgehört. So was Blödes – er war doch keine Heulsuse. Was war bloß los mit ihm. Er war doch immer der Macher gewesen. Maria hatte ihn immer bewundert dafür. Wie selbstverständlich hatte er ihr Leben geordnet. Sein Chef war zufrieden gewesen. Immer. Hatte ihn gelobt für seine Übersicht, sein Organisationstalent, seinen Fleiß. Sogar der Werbespruch: ‚Ob Heizung, Bad oder WC, es hilft am Besten Firma Klee!’ war von ihm. 16 Angestellte und plötzlich der Unfall. Der Chef im Koma, die Versicherung zahlte nicht, weil er betrunken den Unfall mit zwei Schwerverletzten verursacht hatte, seine Frau musste die Firma verkaufen, was blieb ihr schon über. 2 kleine Kinder. Na gut, sie war sehr hübsch und hatte schon bald wieder einen gefunden und das Haus war ja auch noch da. Irgend einen reichen Schnösel – na gut, es sei ihr vergönnt. Er hatte eigentlich keine Angst nichts mehr zu bekommen. Er war ja noch keine vierzig. Dass nur er und Paule, einer der Hilfsarbeiter übrig bleiben sollten, hätte er nie gedacht.

Dass sich der umbringt. Mit 56. Na ja.

Irgendwie hatte er Maria auch verstanden. Er hielt sich ja selbst nicht mehr aus. Die ständigen demütigenden Gänge zum Arbeitsamt. Die vielen erfolglosen Bewerbungsschreiben. Diese verdammten Schweine, wenn sie wenigstens antworten würden. Aber auf über 50 Bewerbungen nur zwei Antworten und die ablehnend.

Nachdenklich sah er auf die Statue, die neben dem fast schon schwarzen Altarbild stand. Der nackte Körper von Pfeilen durchbohrt. Warum waren die aus Gold? Und dann diese blöde selbsthaftende Tuch über seiner Körpermitte, auch aus Gold. Dazu als Kontrast der schmerzgekrümmte Körper und das von dunklem Leiden aber unglaublicher Duldsamkeit gezeichnete Gesicht mit dem Blick nach oben, gen Himmel, wie man so schön sagt. Ja das mit dem Leiden haben sie gern, die Katholerer, dachte er.

Er glaubte nichts. Zumindest nicht an so einen Gott. Irgendwas muss da schon gewesen sein, sonst gäbe es ja die Welt und alles nicht, aber die Bilbelgeschichten hatte er mit den Märchen abgelegt.

Ehrlich gesagt war ihm Maria, je länger er keine Arbeit hatte immer mehr auf die Nerven gegangen. Gut, er wurde immer unleidlicher, kam nur mehr schwer aus den Federn, saß tagelang vorm Fernseher. Nicht das er getrunken hätte, diese Typen, die sich jeden Tag ihr Hirn wegsoffen hatten ihn immer schon angeekelt. Er hatte auch keine besondere Beziehung zum Alkohol. Hin und wieder ein Gläschen, ja.

Die Tabletten, die ihm der Arzt gegen die Schlafstörungen verschrieb, die schon. Die brauchte er jetzt. Ohne die war nix mehr, obwohl er sie eigentlich nicht mehr nehmen wollte. Vielleicht sollte ich den Arzt wechseln, dachte er.

Wieso heute dieser Zusammenbruch? Irgendwann ist es einfach zu viel. Kein Geld mehr, keine Zukunft, wies aussah. Immerhin war er jetzt schon fast zwei Jahre arbeitslos und die Schulung zwischendurch hatte ihn nur genervt. Computerausbildung für Anfänger und Kinder, wie er verächtlich dachte. Alibiveranstaltung, damit die Arbeitslosenstatistik besser ausschaut. In seiner Firma hatte er dem Chef den Umgang mit dem Computer beigebracht. Was soll’s.

Er verstand es ja nicht. Er war doch qualifiziert und 18 Jahre in der selben Firma. Gut, dass man ihm nicht so viel zahlen würde, wie er am Schluss verdient hatte war ihm klar. Das hatte er sowieso nie erwartet. Aber nichts! Nicht einmal ein Vorsprechen! Ja, die eine Firma, 100 km weg. Aber auch das hätte er gemacht, wenn sie nicht seine Vorstellung im letzten Moment abgesagt hätten, weil sie einen gefunden hätten, der viel näher wohnt.

Was sollte er machen. Mit dem Notstand konnte er sich gerade die Wohnung leisten. Noch. War ja eine schicke Wohnung, geplant für eine gemeinsame Zukunft, mit Kindern. Spät aber doch, Maria war ja immerhin fast 10 Jahre jünger.

Ob sie jetzt schon schwanger war, vom Neuen? Er hatte ihn nur einmal kurz gesehen, auf der Straße. Nicht unsympathisch, nix Besonderes.

Eigentlich ging ihm Maria nicht ab und sie war ja auch recht anständig gewesen. Keine großen Forderungen, den Bausparvertrag und die Depots und das Auto – er wollte ja auch nicht als Knicker da stehen. Er brauchte das ja sowieso nicht, in der Stadt. Und außerdem war er immer noch sicher gewesen einen Job zu finden.

Der Besuch am Arbeitsamt, heute. Sein Blick blieb wieder an der Leidensfigur hängen. Golden Pfeile, ha. Das waren ganz andere Kaliber, heute. Seine Betreuerin, diese kalte, unnahbare Frau, hatte ihm klar gemacht, dass er jetzt bald jede zumutbare Arbeit annehmen müsste, sonst bekäme er keine Unterstützung mehr. „Was ist denn zumutbar?“ war seine Frage. „Straßenbau, Landarbeit, Hilfsarbeiter bei Installationsfirmen, was weiß ich. Wir werden schon was finden.“ „Aber ich habe doch nie im Außendienst gearbeitet, ich bin gelernter Bürokaufmann!“ „Na ja, Hilfsarbeiten werden sie doch machen können!“

Lachend war er die Treppen in dem klimatisierten Arbeitsamt hinuntergelaufen – was die von ihm dachten. Aber draußen in der Hitze war das Lachen dahin.

Wieder stieg der unglaubliche Hass in ihm auf, den er in letzter Zeit immer öfter spürte. Diese ganzen Idioten, die in ihren dicken Autos herumfuhren, waren die was Besseres wie er? Er hatte den Mercedes gefahren, schuldenfrei, er hatte das Geld nach Hause gebracht, die Urlaube in der ganzen Welt finanziert, er war der Macher gewesen. Das bisschen, was Maria halbtags verdiente ließ er sie auf ein Sparkonto legen, das hatte er nicht nötig. Sollte sie selber etwas haben, wenn die Kinder da waren. Und Maria war so stolz auf ihren erfolgreichen Mann gewesen. Er war’s zufrieden. Aber Stolz ist eben nicht genug für eine Liebe und Bewunderung erst recht nicht. Das sind flüchtige Gefühle.

Goldene Pfeile, ja. Er ist auch mit goldenen Pfeilen erschossen worden. Er lachte bitter in sich hinein.

Tante Maria, die saß auf der dicken Kohle, nie was gearbeitet, alles von ihrem Mann geerbt, Mietshäuser, ein Haus auf Mallorca. In dem war sie aber nur zwischen ihren zahllosen Kuren. Na gut, sie konnte nur mehr mit Krücken oder Rollator gehen, obwohl sie erst 75 war. Aber wie hatte sie ihn abgefertigt, als er sie vor ein paar Wochen besuchte und ihr vorsichtig seine Situation schilderte. Von ihr brauche er sich nichts erwarten, sie müsse selber schauen, wie sie durchkäme, es würde ja alles immer teurer und die Mieter immer unverschämter. Außerdem habe sie immer schon gewusst, dass er zu nichts taugte und über seine Verhältnisse lebte. Sie habe schon zu seiner Mutter immer gesagt, dass er zu dumm für einen Bürokaufmann wäre. Wie er das geschafft habe wisse sie nicht, aber jetzt stellt sich ja heraus, dass er zu nichts tauge. Seine Frau sei ihm ja auch weggelaufen, dieses junge hübsche naive Ding.

Er war schweigend aufgestanden und gegangen.

Wieder stieg dieser früher nicht gekannte Hass in ihm auf, diese ohnmächtige Wut. Mit ihm würden sie das nicht machen können. Er würde es ihnen schon zeigen. Allen. Er war kein Opfer. Er nicht.

Und du lächerliche Figur mit Deinen goldenen Pfeilen... Er sprang plötzlich auf.

Tante Maria wohnte zwei Querstraßen weiter.

Nie hatte sie ihrer Mutter geholfen, auch nicht als die von ihrem Mann verlassen wurde und zwei Kinder alleine durchbringen musste. Dabei hatte sie alles geerbt, weil ihr jüngerer Bruder, also der Vater von Josefs Mutter, im Krieg geblieben war. Die Firma, die dann ihr späterer Mann übernommen hatte.

Und dann noch die lange Krankheit von Josefs Schwester, die aufopfernde Pflege. Mutter  hat sich wahrlich zu Tode geschunden. Herzinfarkt mit 48 Jahren. Das betrifft immer mehr Frauen hatte der Arzt nur gesagt. Ein mickriger Kranz war alles von Tante Maria gewesen. Keine Hilfe für ihn, der plötzlich, damals noch ohne Arbeit alleine da stand. Aber er hatte es geschafft. Hatte es bewiesen, was in ihm steckte.

Er würde sich seinen Anteil holen. Den Anteil, der seiner Mutter und jetzt ihm zustand. Er würde Tante Maria zwingen. Sie hatte keine Kinder, nur ihre blöden Katzen und ihre Kirche, für die sie fleißig spendete. Jede Woche einmal kam der Pfarrer bei ihr vorbei. Und mit dem Geld könnte er neu anfangen.

Nicht mit ihm! Mit ihm nicht! Er war nicht so duldsam wie Mutter.

Er läutete. Es dauerte ein Weilchen bis Tante Marias Stimme in der Gegensprechanlage zu hören war.

„Ich bin’s liebe Tante Maria, Josef. Ich muss dir was Wichtiges erzählen!“

Nach einer kurzen Pause schnarrte der Türöffner.

Aufzug, 4.Stock, die Türe stand offen.

„Hallo Tante, bist du allein? Wo ist den Elsa?“

„Hat frei“, kam es aus dem Nebenzimmer. Ächzend ließ sich die Tante in den alten Lederfauteuil fallen. „Was gibt’s. Geld kriegst du keines von mir, das kannst Du Dir gleich abschminken. Was willst du mir erzählen? Hast du Arbeit? Straßenkehrer? Hilfsarbeiter im Zoo? Oder hast du eine dumme reiche Frau gefunden?“ Ihr Lachen klang scheppernd und böse. Eine einsame böse alte Frau.

Und da war er wieder, dieser neue unbändige Hass! Wie eine mächtige Woge stieg er in ihm auf, in seinem Kopf begann es zu rauschen, ein unglaublicher Druck stieg in sein Gehirn. Da war das alte gestickte Kissen. Er packte es sprang mit beiden Knien auf Tante Marias Schoß und drückte ihr das Kissen ins Gesicht. Er spürte ihre Schläge nicht, er schrie nur: „Das ist für Mutti, für Mutti, für Mutti...“ bis sich Tante Maria nicht mehr rührte.

Langsam stieg er von ihr, ließ das Kissen fallen und stolperte ein paar Schritte zurück. Nur mehr Leere war in ihm, wohltuend. Er fühlte nichts mehr, bemerkte er noch erstaunt. Langsam ging er zu einem der großen Fenster, schob die dunklen Vorhänge zur Seite und öffnete es. Die Hitze schlug ins Zimmer.

Er blickte hinunter in die schmale Gasse, sie war leer. Dann kletterte er auf die Fensterbank.

Vierter Stock, dachte er noch bevor er losließ, das muss reichen.

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